Konstanze Eutin - Entwicklungen

Entwicklung

Von Ernst Peter Fischer einem Wissenschaftshistoriker las ich den Text " Genetik als Geisteswissenschaft

oder: Erklärungen für das Leben, das sich mit den Genen selber schafft."

Diesen Text verstehe ich als ein Gedankenexperiment, der Entwicklungsprozesse in der Natur mit dem

Prozess des Malens erklärt und die Natur selbst als kreative Künstlerin versteht. Für die Entwicklung von

Organismen schlägt E. P. Fischer als Metapher die menschliche Kreativität vor, die sich etwa beim Malen eines

Bildes ausdrückt. Organisches Entwickeln und der Prozess des Malens sind vergleichbare Vorgänge.

Dieser Denkansatz inspirierte mich, und in meinen Arbeiten geht es vordergründig um ein Reflektieren

dessen. Jedes gemalte Bild vollzieht eine Entwicklung. Als Entwicklung verstehe ich ein Vorgang, der nicht

immer zyklisch-konstant verläuft und als ein Prozess mit all seinem Wandel - dieser kann Entstehung,

Wechselwirkung, Veränderung umfassen.

Die moderne Genetik meint allein rational-analytisch das Gen als Kausalfaktor zu verstehen, während es

doch auch ein Formfaktor ist. " Diese ästhetische Komponente des Gens erschließt sich über den Begriff

"Form", mit dem sich ausdrücken lässt, dass sowohl die Gene die Natur gestalten als auch die Natur die

Gene." Gene bilden und werden gebildet und diese ästhetische Einheit der Bildung zeigt so etwas wie ein

Schöpfungsvorgang.

" Vielleicht entstehen wir ( und andere Lebensformen ) dank der Gene so, wie die Werke eines Malers

entstehen. Beim Malen etwa fängt der Prozess des Hervorbringens mit einer Vorstellung im Kopf des

Künstlers an. Seine Fortführung hängt dann von den Ergebnissen ab, die im Laufe der Bildentstehung auf

der Leinwand sichtbar werden. Und was die Embryonalentwicklung angeht, so fängt der Prozess mit

Vorgaben im Kern der Zelle an, und seine Fortführung hängt von den Bildungen ab, die im Laufe der Zeit

entstehen und von der Umwelt registriert werden und auf das sich bildende und gedildete Leben zurück-

wirken. Wer die Entstehung eines Bildes beschreibt und dabei den Machenden vom Gemachten trennt,

geht an der Sache vorbei. Und genau dies gilt für die biologische Entwicklung. Bei deren Beschreibung

sollte man nicht versuchen, das Bildende von dem Gebildeten zu trennen, weil die Gene und ihre 

Produkte in kontinuierlicher Wechselwirkung stehen. Gene spulen keine Programme ab, Gene agieren

vielmehr kreativ. Die Gesamtheit der Gene - also das, was wir "Genom" nennen - verfügt über Kreativität." 

Es wird vorgeschlagen, sich vorzustellen, dass Gene malen und Farben produzieren können. " Und sie

tun dies, wenn es lebendigen Organismen gelingt, sich selbst als gestaltende und gestaltete Wesen

hervorzubringen. Um diese künstlerische Vorstellung an die naturwissenschaftlichen Kenntnisse anzu-

schließen, erinnern wir uns daran, dass Gene es einer Zelle erlauben, Proteine herzustellen ( wobei anzu-

merken ist, dass sich das Prinzip der bildenden Dualität hier erneut zeigt, schließlich machen die Gene die

Proteine, die die Gene machen - Molekularbiologie ). Proteine transportieren Sauerstoff, sie empfangen

Licht, sie bewegen Muskeln, sie zerlegen die Nahrung und vieles mehr. Eine besondere Klasse von

Proteinen hat nun die Eigenschaft, direkt mit den Genen selbst in Kontakt zu treten. Diese heißen

"Master-Proteine", und zwar einfach deshalb, weil die Herstellung anderer Proteine von ihnen abhängt."

Entwicklungsbiologen stellten fest:

" Zum einen verfügen sämtliche Organismen über einen Vorrat an Master-Proteinen ( und den dazugehörigen Genen ), die in der frühen Phase der Entwicklung in Erscheinung treten und durch ihr

Aktivitätsmuster festlegen, was aus diesen bestimmten Zellen wird. Mit dem Vorrat dieser Master-Proteine lässt sich ein Muster bilden, das man auch ein "Gewebe" nennen könnte und dessen Form im Verlauf  des weiteren Wachsens nach und nach verfeinert und ausgearbeitetwird - genauso wie es beim Malen eines Bildes passiert." Das Muster unterliegt in der Natur der ständigen Veränderung, so wie sich im Malprozess mit jedem Pinselstrich eine eigene Form entwickelt.

" Der britische Biologe Enrico Coen hat den Vorschlag gemacht, sich die Master-Proteine als verborgene

( innere ) Farbe vorzustellen, mit denen das Gemälde des Lebens seinen Anfang nimmt. Der

entscheidende Punkt, der den Vergleich zwischen dem Malen und dem Wachsen ermöglicht, steckt dabei

in der Wechselwirkung. Die Farben kommen von den Genen und beeinflussen die Gene. Entsprechend gilt, dass die Farben auf der Leinwand von einem Maler stammen und auf ihn zurückwirken. Und in beiden

Fällen agieren die Akteure nicht beliebig, sondern unter historischen Vorgaben. Der Maler ist durch seine

Zeit und Kultur geformt, und die Gene führen ihre evolutionäre Geschichte mit sich."

Ist es nicht wunderbar und faszinierend zugleich, wie in der Natur aus kleinsten Genen und Zellen ein

ständiger Wechsel von einen Zustand in den anderen Zustand vollzogen wird und am Ende eine Pflanze

oder Lebewesen entsteht? Die Natur verfügt über Kreativität. Der Grund sind vor allem die Formen, die

Gene wirksam hervorbringen, denn sie gefallen uns. Wir sprechen von der Schönheit der Natur, von

Kunstwerken des Lebens.

"Dabei geht es nicht um bloßes Wissen, sondern um einen anderen Umgang mit unserem Wissen und

Nichtwissen". ( Bernhard von Mutius )